Schaf-Heldinnen

In einem klassischen Märchen gehören immer die gleichen Motive: eine fette Linie zwischen Gut und Böse, eine Moral, ein Held…und, sehr oft, eine passive „Heldin“. Schneewittchen und Dornröschen sind beide passive Heldinnen, und sie dienen dem Held und seiner Suche nach Erfüllung mehr als sie ihren eigenen Zielen dienen. Zwar ist es nicht deutlich zu sehen, ob die zwei Prinzessinnen ihre eigenen Ziele überhaupt haben. Sie werden nie tief oder original beschrieben—jede passive Prinzessin ist fast eine genaue Kopie von  allen anderen. Eine Prinzessin in manchen klassischen Märchen wird von Geburt oder von Kindheit an  von einer Stiefmutter oder Hexe aus irgendwelchem belanglosen Grund gehasst, und danach entweder verbannt oder verflucht. Ihr Schicksal liegt dann gar nicht mehr in ihren eigenen Händen, sondern in denen eines Prinzens oder Ritters.

Dornröschen kennen wir schon als eine passive Heldin, denn sie macht tatsächlich nichts in dem Märchen. Sie wird geboren, verflucht wegen der Blödheit ihres Vaters, und sie wächst auf anscheinend ohne das Wissen, dass sie eines Tages in Gefahr kommen wird. Man kann bestimmen, dass Dornröschen keine Kontrolle über ihr Schicksal hat. Sogar wenn sie aufwacht, scheint es, als ob der Kuss des Prinzen sie wieder lebendig machte, obwohl die Wahrheit heißt, dass der Fluch genau in dem Moment zu Ende geht. Dornröschen wird nie beschuldigt oder entschuldigt wegen weder ihres Fluchs noch ihres Aufwachens, aber man muss überhaupt nicht daran denken, denn sie hatte an erster Stelle keinen Einfluss darüber. Der Prinz wird doch als Held belohnt, egal, dass er in Wahrheit auch nichts aus eigener Kraft gemacht hat.

Wenn man Schneewittchen analysiert, findet man eine junge, unschuldige Prinzessin, die wegen ihrer Schönheit von ihrer Stiefmutter gehasst wird, und deswegen sich verbannen muss, um sicheren Tod durch die Hand der Stiefmutter zu vermeiden. Sie flieht und findet Sicherheit in einem Häuschen mit sieben Zwergen, die sie über die Gefahr der Welt und der Stiefmutter vorwarnen. Die Zwerge tun aber auch eher nichts Konkretes, um das Schicksal von Schneewittchen zu verändern, oder sie von der bösen Stiefmutter zu beschützen. Sie lassen das Kind alleine zu Hause, sogar nachdem es zweimal beim Sterben ist, denn es kann offensichtlich nicht darauf achten, dass es die Vorwarnungen der Zwerge wahrnimmt und auf Fremden aufpasst. Nein, stattdessen ist Schneewittchen wirklich zu lieb, zu sympathisch und zu nett, um einer fremden Frau im Wald nein zu sagen. Das Wunderbare daran ist, dass es auch nicht lernt, dass es tatsächlich in Gefahr ist (es gibt bei dem jungen Schneewittchen anscheinend gar keine Möglichkeit für Pavlov’sche Konditionierung). Endlich, als es so aussieht, als ob Schneewittchen wegen ihrer Naivität jetzt wirklich stirbt, wird sie wieder gerettet…diesmal nur aus Zufall.

Es gibt zwar in Schneewittchen keinen glücklichen Prinzen mit gutem Timing wie in Dornröschen, aber der Endeffekt ist das Gleiche: die Prinzessin hat keine Macht, sich selbst zu retten oder beschützen und kontrolliert ihr Schicksal selbst nicht. Ihr Leben wird immer von Anderen beeinflusst und geleitet, sei es von Zwergen, Helden, einer Stiefmütter, oder durch Zufall.

————————————————————————————————————————————

502 Worte

Grimms Märchen. Edited by Willy Schuman. Frankfurt: Surkamp/In. 1982.
Max Lüthi. Es war einmal. Vom Wesen des Volksmärchens. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 2008.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s