Der freche Held des Volkes

Das klassische aber oft überschaute Märchen Das tapfere Schneiderlein bietet einen interessanten Blick sowohl in die Zeit und Kultur der Veröffentlichung als auch in die Denkweise der Menschen. Der Held ist nicht unbedingt ein typischer Märchenheld, und zwar unterscheidet sich auch die Geschichte von der Menge anderer Grimm’schen Märchen.

Wer ist der Held dieses Märchens? Ein schöner Prinz? Eine brave Prinzessin? Ein mutiger Junge, der die Welt entdecken will? Nein, der Held ist ein Schneiderlein, und ein egoistischer sogar! Das Schneiderlein passt doch zu dem Thema des Helden von Märchen, da er von allen unterschätzt und trotzdem zum König eines Reiches wurde. Er besitzt natürlich auch schöne, lobenswerte Qualitäten, zum Beispiel seine Klugheit und Tapferkeit und seinen Lebensmut. Woher kommen diese Qualitäten, aber? Machen sie den Helden in diesem, wie in jedem anderen Märchen, zu jemandem, der für sein Gute belobt werden soll? Man darf die Antwort doppelt sehen: das Schneiderlein ist ein lobenswerter Märchenheld auf Grund seiner Klugheit und Tapferkeit, weil er sie benutzt, um das Unmögliche trotz aller Schwierigkeiten zu überwinden und am Ende zu gewinnen. Als er die zwei schlafenden Riesen verwirrt und wartet, bis sie einander zerstören, beweist er ja, dass man nicht immer der Mächtigste sein muss, um eine gute Lösung finden zu können oder einen starken Feind zu besiegen. Am Ende seiner Abenteuer ist das Schneiderlein doch ein reicher, mächtiger Mann, der alles durch seine Klugheit und Lebensmut gewonnen hat. In diesem Sinne, dient er als tolles Vorbild für das unterdrückte und von Napoleon besetzte Deutschland zu der Zeit.

Warum denn soll man das Schneiderlein kritisieren? Was tut er, was nicht gelobt werden soll? Meiner Meinung nach, weil seine ganzen Erfolge auf eine Lüge basiert sind! Er hat im allerersten Fall die Aufmerksamkeit des Königs und der Ritter erregt, nur weil sie dachten, dass er der Sieger gegen sieben Menschen sei, also dass er sieben Menschen „auf einen Streich“ getötet hätte, nicht sieben Fliegen! Diese Lüge geht noch tiefer, wenn man daran denkt, dass der Schneider die sieben Fliegen töten musste, weil sie ihn nervten—sie hatten Interesse auf das Essen, das er sogar durch einen Trick bekommen hat! Zwar halte ich den Helden für keinen echten Helden, da er seine Erfolge gar nicht am Anfang verdient hat! (Okay, klar ist es sehr imponierend, wenn man mal eine Fliege auf einen Streich töten kann, ganz zu schweigen von sieben auf einen Streich…aber das bedeutet immer noch nicht, dass ihm der Titel „Held“ verliehen werden!).

Gibt es denn auch eine Botschaft zur Ermutigung Deutschlands in der Angeberei des Schneiders? Vielleicht sollte sogar sie auch eine gute Botschaft sein, in dem Sinne, dass das Volk einen Helden brauchte, der sich auch über seine Feinde lustig machen könnte. Das tapfere Schneiderlein sollte damit als Symbol der Belastbarkeit und des Widerstandes von dem unterdrückten Volk im Gesicht eines viel mächtigeren Feindes. Das Schneiderlein ist beliebt trotz seiner Frechheit, denn er repräsentiert nicht nur das gemeine Volk, also die normalen Menschen des Landes, sondern auch den Geist Deutschlands.

503 Wörter
Grimms Märchen. Edited by Willy Schuman. Frankfurt: Surkamp/In. 1982.

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